Die Schriftart »Hooptie Script« ist eine moderne Interpretation der Chromschriftzüge der Detroiter Automobile in den 1940er und 1950er Jahren. Aus Zeitgeist und technischer Notwendigkeit entstand damals eine völlig neue Form der Schriftgestaltung, die auch »Chrome Script« genannt wird. Innerhalb des Art-Déco-Stils wurde stromlinienförmiges Design immer populärer und die Automobile wurden immer länger, breiter und an allen Ecken und Enden blitzten die Chromteile. Die an den Automobilen angebrachten Schriftzüge von Cadillac und Co. folgten diesem Trend und wuchsen immer weiter in die Breite. Da die schweren Embleme aber nach wie vor aus einem zusammenhängenden Stück Metall gefertigt wurden, mussten alle Buchstaben miteinander verbunden werden. So entstanden die charakteristischen Stromlinien-Schriften, die sich rasch zu einem repräsentativen Designelement jener Zeit entwickelten, das sich auch auf anderen Produkten wieder fand – etwa bei Plattenspielern, Staubsaugern und Kühlschränken.

Die Grafikdesigner Franziska Jähnke, Dörte Wächter und Ralf Herrmann verbrachten einige Monate in der Innenstadt von Detroit und erkundeten die noch immer allgegenwärtigen Relikte der Detroiter Glanzzeit. Die verlassenen Fabriken der berühmten Automobilhersteller stehen noch immer – es fehlt schlicht das Geld sie abzureißen oder anderweitig zu nutzen. Auch die alten Autos gehören noch immer zum Straßenbild. Sie werden so lange gefahren, bis sie buchstäblich auseinanderfallen. Die Detroiter nennen solche Schrottkarren liebevoll Hooptie. Wenn sie dann doch den Geist aufgeben, werden sie einfach am Straßenrand stehen gelassen und rosten dort über Jahrzehnte vor sich hin.
Der ausgefallene Schriftstil der Chromschriftzüge an den Detroiter Autos der 1930er bis 1940er Jahre erweckte sofort das Interesse von Ralf Herrmann, der basierend auf diesem Stil zwei Schriftarten entwickelte. Doch Detroit und seine Geschichte hinterließen auf die drei Designer eine so nachhaltigen Eindruck, dass zusätzlich auch ein reicher Schatz an Fotos, Texten und Collagen entstand. Ein Teil davon kann nun als Begleitmaterial zur Schriftveröffentlichung online betrachtet werden.

Schriften dieser Art waren mit den früheren Fontformaten nicht zufriedenstellend umsetzbar, da jeder Buchstabe an passender Stelle mit den jeweiligen Nachbarbuchstaben legiert werden muss. Hat das »o« einen Abstrich auf x-Höhe verbindet es sich perfekt mit einem nachfolgenden »f«, doch nicht mit einem »s«, das eine Verbindung auf der Grundlinie erfordert. So sieht man bei der Anwendung von Retro-Schreibschriften sehr oft, dass Buchtstaben an den falschen Stellen zusammenstoßen oder schlicht gar nicht verbunden sind. Das Problem lässt sich übrigens auch nicht mit Ligaturen lösen. Denn jede eingesetzte Ligatur muss sich ja ihrerseits auf beiden Seiten mit den angrenzenden Buchstaben verbinden …

Mit der OpenType-Technologie war es hier erstmals möglich, einen Streamline-Font zu erstellen, der durch OpenType-Klassen, Alternativzeichen und kontextbedingte Ersetzungen vollautomatisch für jede beliebige Buchstabenkombination die passende Verbindung erzeugt.
Das jeweils nachfolgende Zeichen in einem Buchstabenpaar »kennt« seine optimale Verbindung zu seinem Vorgänger und dieser wird, wenn nötig, automatisch ausgewechselt. Es ist sogar möglich, die Wörter durch Einsatz des Unterstrichs zu verlängern und noch »stromlinienförmiger« darzustellen. Auch dabei werden vollautomatisch die optimalen Alternativbuchstaben ausgewählt.

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Doch Detroit und seine Geschichte hinterließen auf die drei Designer eine so nachhaltigen Eindruck, dass schnell die Idee geboren wurde, die Schriften zusammen mit einem Buch herauszubringen, das die eindrucksvolle Geschichte der Motor City als Wiege der Automobilindustrie schildert. Das Buch fungiert dabei auch als Schriftmuster, ist aber weit mehr als nur ein »Verkaufsprospekt«. Schriften und Schriftmuster sind gleichwertige, miteinander verbundene Teile einer Arbeit, die sich gegenseitig befruchten. Die folgende Zeichnung, die als Doppelseite für das Buch angefertigt wurde, stand später für die Entwicklung der Schwungschriftbuchstaben Pate. Einigen Detroiter gefiel dieses Motiv sogar so gut, dass sie es sich tätowieren ließen.

Die üblichen Blindtexte sucht man in diesem Buch also vergeblich. Die Texte erzählen die spannende Geschichte von Cadillac, Pontiac, Chevrolet, Ford und vielen anderen Persönlichkeiten sowie vom Aufstieg und Einbruch der Stadt im Verlauf des 21. Jahrhunderts. Eine gekürzte Fassung des Buches kann nun begleitend zur Schriftveröffentlichung online und im Vollbildmodus betrachtet werden.